Die Problemschule

Was läuft falsch im Bildungssystem? Unter dieser Frage rief jüngst rief die Süddeutsche zur Diskussion auf. Das ist natürlich eine schwierige Frage, zu der es viele Antworten und Meinungen gibt. Wenig Beachtung findet dabei meist ein ganz eigene Problemursache: Das Gymnasium.

Die beste Schule von allen – Warum eigentlich?

Eigentlich ist es eine verbreitete Auffassung, dass das Gymnasium die beste Schulform von allen ist. Nicht jeder kann schließlich dort hin. Es ist wie bei einem Club, in den man nicht ganz so einfach hinein kommt: Schon allein die Exklusivität lässt den Wert steigen. Womöglich wird gar die Tatsache, dass nicht alle Schüler dem Unterricht am Gymnasium folgen können, als positives Qualitätsmerkmal wahrgenommen. Eine ähnliche Logik wird auch gern für Studienfächer angewandt: hohe Durchfallquoten gelten als Indiz für hohe Qualität. Wie gut allerdings der Unterricht, also der pädagogische Prozess gestaltet wird, das spielt bei dieser Frage meist überhaupt keine Rolle. Schlechter Unterricht kann so in strahlendem Glanz erscheinen, wenn nur die Anforderungen hoch genug sind. Nun ist natürlich gymnasialer Unterricht nicht generell schlecht. Es ist wie in anderen Schulformen auch höchst unterschiedlich. Und doch gibt es ein grundlegendes Problem: Das Gymnasium hat stärker als andere Schulformen die Möglichkeit unpassende Schüler loszuwerden. So entsteht schnell die Tendenz Gründe für Schwierigkeiten allein auf Schülerseite zu suchen. Das sind keine gute Voraussetzung für die Weiterentwicklung von Unterricht und Schule. Anpassen müssen sich die Schüler… oder sie müssen eben gehen.

Das Gymnasium, die Krone des Schulsystems. In diese Wahrnehmung passt auch die unterschiedliche Besoldung der Lehrer nach Schulformen. Die höchste Vergütung bringt nach wie vor der gymnasiale Lehramtsabschluss. Wird am Gymnasium aber bessere pädagogische Arbeit geleistet? Nimmt man Studien zur Schul- und Unterrichtsqualität zeichnen sich gute Schulen vor allem durch Merkmale wie Stabilität im Kollegium, Arbeit der Schulleitung, Umgang mit Vielfalt, Planung und ähnliches aus. (Natürlich sind diese Studien – manchmal notwendigerweise – enggeführt, schließlich ist die Frage, was überhaupt Bildung ist und was Kinder und Jugendliche in der Welt so alles so alles benötigen nicht trivial. Dass Gymnasien oder gymnasialer Unterricht aber besser sind, als der Unterricht in anderen Schulen, lässt sich damit nicht belegen. „Besser“ sind vor allem die Schüler. „Besser“ im Sinne eines schwammig definierten Verständnisses sogenannter „Gymnasialfähigkeit“. Dass aber eine Schulform besser ist, weil sie sich die Schüler zu großen Teilen aussuchen kann, das hat schon eine besondere Zynik – vor allem gegenüber der Arbeit, die Pädagogen anderer Schulformen leisten.

Die Macht des Gymnasiums

Das Gratisqualitätssiegel für Gymnasien hat dabei bereits in der Vergangenheit interessante Entwicklungen mit sich gebracht, so z.B. bei der Einführung der Gesamtschulen in den westlichen Bundesländern in den 70ern und 80ern. Die Gesamtschulen hatten hier einen ganz grundsätzlichen Nachteil: waren die Kinder leistungsfähig – bzw. gymnasialfähig – genug, dann wurden sie mehrheitlich auch auf das Gymnasium geschickt. Das beeinflusst natürlich die Zusammensetzung der Schülerschaft der Gesamtschulen, denn diese Schüler sind dort nicht zu finden. Vielfalt als pädagogisches Konzept wird dadurch von vornherein eingeschränkt.

Wenn es um Bildungsreformen geht, entfaltet das Gymnasium eine ganz eigene Macht: als gefühlt beste Schulform wird es mit aller Macht verteidigt. Verteidigt wird damit auch das Weiterbestehen des gegliederten Schulsystems. Die Hauptschule wird als weniger wertvoll betrachtet, sie wurde in einzelnen Bundesländern bereits abgeschafft. Das Gymnasium dagegen hält sich wacker. Es hat viele Fürsprecher.

Wie so ein Prozess ablaufen kann, konnte man im Jahr 2006 in Hamburg beobachten. Eine recht vorsichtige Systemreform, nämlich eine Verlängerung der Grundschule auf 6 Jahre und eine parallele Einführung sogenannter Stadtteilschulen wurde dort durch einen Volksentscheid gestoppt. Die Sprecher der Gegeninitiative „Wir wollen lernen!“ bewiesen dabei durchaus Kreativität, sei es in scharfsinnigen Spots oder mit phantasievoller wissenschaftsähnlicher Argumentation.

(So wurde beispielsweise das PISA-Ergebnis der Hamburger Schulen mit dem anderer Länder verglichen. Feierlaune verbreitete dabei unter anderem das durchschnittlich bessere Abschneiden Hamburgs im Vergleich zum „PISA-Vorzeigeland“ USA (Orginalzitat „Wir wollen lernen!“). Nun gibt es sicher kaum relevante Unterschiede zwischen den USA und einem Stadtstaat in Deutschland, so dass der Vergleich wirklich intelligent gewählt war. Triumpfstimmung verbreitete auch, dass die Ergebnisse der Gymnasien besser waren, als die der Schulen anderen Länder – die Schüler mit den höchsten Schulleistungsergebnissen in Deutschland schnitten also besser ab, als der Durchschnitt der anderen Länder. Genial. Die besten 10% der Schüler des Gymnasiums hätten sicher noch höhere Punktwerte erzielt.)

Teil der geplanten Reform war dabei auch die Abschaffung des Elternwahlrechts bei der Wahl der weiterführenden Schule. Über diese Frage sollten zukünftig Lehrer. Das wiederrum verärgerte viele Eltern und votierten gegen die empfundene Schwächung des Gymnasiums und die Einschränkungen bei der Mitentscheidung, welche Schulform ihr Kind besuchen wird. Schaut man sich diese Aussagen genauer an zeigt sich eine interessante Doppelargumentation: Selektionsschule: Na klar. Aber mein Kind geht auf’s Gymnasium. Natürlich wollen alle das Beste für ihr Kind. In diesem Fall heißt das vor allem: Gymnasialbesuch. Der Widerstand gegen den empfundenen sozialen Abstieg der Kinder ist vor allem bei Eltern mit höherem sozio-öknomischen Status bzw. Bildungsabschluss hoch. Sehr viel höher vor allem als der Wunsch anderer Eltern, dass ihre Kinder sozial aussteigen. Es gibt starke Unterschiede in den Schullaufbahnentscheidungen, je nach sozialem Hintergrund. Und das ist an den verschiedenen Schulformen durchaus sichtbar. Soll es also nun die harte, grausame, Welt mit Selektionsschule sein oder nicht? Oder geht es gar darum, dass die eigenen Kinder eben nicht mit ganz bestimmten anderen Kindern zusammen an einem Ort sein müssen?

Bauern-, Bürger- und Gelehrtenschulen

Möglicherweise passt das Empfinden auch einfach viel mehr zum Ursprung des gegliederten Schulsystems. Schließlich ging es im 18. Jahrhundert noch um Bauern-, Bürger- und Gelehrtenschulen, gemäß der Einteilung des Volkes in untere, mittlere und obere Schicht. Über die Jahrhunderte haben sich die Argumente für das gegliederte Schulsystem geändert. So sprach man später gern von „begabungsgerechten“ Schulformen oder darum, dass pädagogische Arbeit mit allzu heterogenen Schülern schlicht nicht möglich sein und sie deshalb getrennt werden sollten (Grundschulen leisten demnach unmögliche Arbeit). Die Gliederung an sich blieb bestehen.

„Begabungsgerechte Schulformen“ – das ist eine politische Formulierung, die gern zur Verteidigung des gegliederten Schulsystems ins Feld geführt wird. Was Begabung überhaupt sein soll und welche Begabungen es gibt… nunja… da gibt es eben praktisch Begabte und theoretisch Begabte. Beides gleichzeitig oder gar ein komplexes Zusammenspiel von Fähigkeiten und Interessen – wohl ein zu komplexer Zugang. Aber die Schulformen sollen den Individuen entgegen kommen. Drei Schulformen für drei ganz individuelle Menschengruppen? Warum eigentlich nicht ein 10Millionen-gliedriges Schulsystem? Aber vielleicht ist individuelle Förderung dann doch der einfachere Zugang.

Die Wahrnehmung der Betroffenen ist ohnehin eine andere. Mit den politischen Formulierungen hat das wenig zu tun. Es werden vermutlich nicht viele Kinder oder Eltern formulieren: „Wir wählen die meinen Fähigkeiten und Leistungen entsprechende Hauptschule, weil sie mich am besten fördert.“ Ein: „Schade, ich habs nicht auf die bessere Schule geschafft“ ist wohl wahrscheinlicher. Womöglich verbunden mit einem „Ich bin schlecht“. Das kann und darf nicht das Ziel sein.

Ein Problemkind im Schulsystem

Wenn man an die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention denkt, wird es mit dem Gymnasium besonders spannend. Wie soll Inklusion mit Gymnasien gelingen? Die inneliegende Logik dieser Schulform ist nuneinmal anti-inklusiv. Es ist eine Selektionsschule. Wie kann man rechtfertigen, einen Teil der Schüler ab der 4. Klasse auszusortieren und einen anderen im Sinne inklusiver Pädagogik teilhaben zu lassen? Auch die Förderung sogenannter leistungsschwächerer Schüler wirkt stets irgendwie fremd, schließlich werden diese ja normalerweise gar nicht das Gymnasium besuchen. Das ist nuneinmal das Prinzip des Gymnasiums und des gegliederten Schulsystems. Diese Schulform hat eine angeborene Resistenz gegen eine Vielzahl von Veränderungen.

Und die negativen Auswirkungen eines gegliederten Schulsystems sind nach wie vor deutlich. Soziale Unterschiede in Bezug auf Bildung werden verstärkt. Schullaufbahnentscheidungen, die ja realistischerweise weniger durch die Kinder als vielmehr durch die Eltern getroffen werden, sind je nach sozialer Lage höchst unterschiedlich. Dadurch ist die Chance für den Schulbesuch einer bestimmten Schulform sozial höchst unterschiedlich verteilt. Es wird eben nicht nur nach bestimmten Leistung, Fähigkeiten – welche auch immer das jeweils sind oder nicht sind – sortiert. Kompetenzergebnisse der Schüler verschiedener Schulformen unterscheiden sich zwar im Gesamtdurchschnitt, jedoch gibt es enorme Überschneidungen, beispielsweise beim Lesen. So gibt es laut PISA eine nicht geringe Zahl von Hauptschülern, die die Kompetenzwerte von Gymnasialkindern erreichen. Warum auch nicht? Dennoch interessant, dass das gegliederte Schulsystem hier nichteinmal den Argumenten seiner Verteidiger gerecht wird.

Schon die Entscheidungssituation selbst setzt bereits Grundschüler (und oft auch die Eltern) unter enormen Stress. Oft wird bereits von der dritten Klasse an mit Blick auf den weiteren Schulweg und überhaupt die eigene Zukunft geackert. In der vierten Klasse an Konsequenzen für das spätere Leben zu denken, das tun Kinder eigentlich nicht. Somit ist die eigene Schulbildung früh mit der diffusen Angst behaftet, dass irgendetwas furchtbares am Ende des Weges lauern könnte, wenn man sich nicht anstrengt. Eine Laufbahnentscheidung in der vierten Klasse ist auch pädagogisch nicht zu rechtfertigen. Und warum eigentlich in der vierten Klasse? Warum nicht ab der ersten? Warum nicht nach der Geburt? Einfach einen Intelligenztest machen oder noch einfacher, den sozialen Status erfassen. Absurd? Ja, etwas. Sogar etwas mehr, als das jetzige Prinzip.

Vielleicht ist das Gymnasium ja viel mehr das „Problemkind“ des Schulsystems, als gemeinhin angenommen wird. Und da geht der Inklusionsgedanke dann doch zu weit. Warum nicht einfach mal aussortieren? Aber es wird wohl noch eine Weile verteigt werden. Einfach weil es eben die beste Schule ist. Das Gymnasium ist die beste Schule, deshalb ist es ja das Gymnasium.