Das Recht Blödsinn zu erzählen

Sven Heibel (CDU) hat sich geoutet: Er ist homophob. Nicht nur ein bisschen. Nein, Sven Heibel bedauert ausdrücklich das Verschwinden des Paragraphen 175 aus dem Strafgesetzbuch und spricht sich damit für eine Kriminalisierung von Homosexuellen aus. Der Mann mit dem Wahlslogan „Zukunft statt Vergangenheit“ tat dies dann auch gleich öffentlich auf seinem Facebook-Profil: „Vor 20 Jahren wurde die Strafbarkeit der Homosexualität, § 175 StGB, abgeschafft. Ich weiß nicht, ob das ein Grund zum Feiern ist“. Diskriminierend sei das natürlich nicht gemeint. Nein Sven Heibel ist sehr tolerant, solange die Schwulen sicher hinter Gittern sitzen.

Der Beitrag wurde zwar aufgrund des unvermeidbar vernichtenden Echos schnell gelöscht, verschiedene Medien hatten sich die Schlagzeile jedoch längst gesichert. Daraufhin setzte der bekennende Kämpfer für die Freiheit (aller Heterosexuellen) das Zitat wieder auf sein Profil mit dem trotzigen Verweis das Zitat „ist und bleibe in der Welt“. Inzwischen wurde auch dieser Beitrag wieder entfernt.

Heibel vergaß in seinem zweiten Beitrag allerdings nicht auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung hinweisen, ein Recht, dass er durch die überwältigenden Reaktionen bedroht sehe. Wie Sarrazin und andere stimmte er damit in den „Das wird man doch wohl mal sagen dürfen“-Chor ein. Nun ist es aber so, dass Sven Heibel eben genau das getan hat, seine Meinung sagen. Und das ist ja auch ganz gut so, denn gerade potentielle Wählen konnten ihn auf diese Weise gleich etwas besser kennenlernen. Was dann aber wohl weniger gefiel, sind die Reaktionen, in denen er recht treffsicher als homophob oder ewig gestrig bezeichnet wurde.

Er ist nicht der Einzige, der in solchen Reaktionen einen Angriff auf die Grundrechte sieht. Inzwischen scheint zu einer Art Trend zu werden, das Thema Meinungsfreiheit für jeden denkbaren Unsinn zu vergewaltigen. Nur wird von diesen Freiheitskämpfern ein wichtiger Punkt übersehen: Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass nur meine eigene Meinung frei. Dazu gehört auch Blödsinn als Blödsinn zu bezeichnen, Ausländerfeindlichkeit als Ausländerfeindlichkei, Homophobie als Homophobie. Natürlich werden solche Diskussionen manchmal mit harten Bandagen geführt. Sven Heibel beschwert sich darüber. Über Drohungen und Beleidigungen sicher zu Recht. Aber über den Gegenwind generell? Wie werden seine Aussagen wohl auf homosexuelle Menschen gewirkt haben? Wie ist das wohl, wenn das eigene Leben kriminalisiert wird?

Nun ist das aber ist der Tenor der selbsternannten Freiheitskämpfer. Sie betonen ihr eigenes Recht sagen zu dürfen, was immer sie wollen. Alles im Namen der Meinungsfreiheit. Wenn es dann entsprechende Reaktionen gibt, ist das Gejammer groß. Gegenwind ist eben anstrengend. Die brutalstmöglichen Aufklärer scheitern damit an ihrer eigenen Aufklärung. Thilo Sarrazin trieb diese Bigotterie mit seinem Buch über den „Tugendterror“ auf den Höhepunkt. Ein Mann veröffentlicht ein Buch, in dem von Denkverboten und vom Zwang zur Political Correctness die Rede ist. Die Folgen für den heldenhaften Kämpfer waren Einladungen in Talkshow und Millionen verkaufte Bücher. Aber offenbar funktioniert es und die Legende der Unterdrückten Rebellen für Gerechtigkeit besteht weiter. Und doch übersehen sie etwas Grundlegendes: Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass alle anderen jeden noch so blöden Gedanken feiern müssen.

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