Wir wollen ja niemanden diskriminieren, aber…

Baden-Württemberg steht eine furchtbare Zukunft bevor. Zumindest wenn man von all jene Kommentatoren ausgeht, die offenbar von der Existenz des Weltherrschaftsplan der LSBTTIQ-Verschwörergruppe und ihrer Linksgrünökofaschistenunterstützer überzeugt sind. Übertrieben? Ein bisschen.

Alles nur wegen eines kleinen Papiers einer Kommission, die einen neuen Bildungsplan erarbeiten soll. Ein Werk, von dessen Existenz sonst wahrscheinlich kaum jemand wüsste. Immerhin, ein Lehrer hat es gelesen und sah sich sogleich veranlasst eine Petition zu verfassen um, wie er sagt, Kinder vor großem Schaden zu bewahren. .

„Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“, schon der Titel der Petion, deutet eine arg düstere Zukunftvision an. Von Überbetonung einzelner Gruppen ist die Rede. Von Beschönigung eines Lebensstils mit sehr dunklen Seiten. Von Ideologie. Eine  „pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“ erkannt. Aber das ist nichteinmal die erste Fassung, denn die wurde vom Portal openpetion.org aufgrund diskriminierender Inhalte nicht zugelassen.  Ursprünglich stand darin noch etwas von „Indoktrination“ von „Missionierung“ von „LSBTTIQ-Lobbyisten“.

Schaut man im Arbeitspapier der Bildungsplankommision  auf den Anstoß des Steines, der mit der Petition ins Rollen gebracht wurde findet man dies auf Seite 12:

Schüler innen und Schüler kennen die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit LSBTTI-Menschen und reflektieren die Begegnungen in einer sich wandelnden, globalisierten Welt.

  • klassische Familien, Regenbogenfamilien, Single, Paarbeziehung, Patchworkfamilien, Ein-Eltern-Familien, Großfamilien, Wahlfamilien ohne verwandtschaftliche Bande;

  • schwule, lesbische, transgender und soweit bekannt intersexueller Kultur (Musik, Bildende Kunst, Literatur, Filmschaffen, Theater und neue Medien) und Begegnungsstätten (soziale Netzwerke, Vereine, politische Gruppen, Parteien)

So weit, so unapokalyptisch. In der Petition werden die eingeklammerten Beispiele des letzten Stichpunkts übrigens weggelassen. Möglicherweise möchte man es ja der Fantasie der notorisch verängstigen und/oder abgestoßenen Sorgenträger überlassen, was sich hinter Begegnungsstätten verbirgt (Klasse 7, Sozialkunde. Thema „Darkrooms“. Projekt mit Praxisphase).

Nun wird in den Kommentaren illustren Unterstützer der Petition immer wieder deutlich, dass es sich beim neuen Bildungsplan um nicht weniger als eine Umerziehungskampagne einer sich für überlegen haltenden Gruppe handelt.

Falsche Behauptungen und boshafter Zynismus

Aber woher kommt eigentlich die immer wieder verbreitete Idee, dass z.B. Menschen, die homosexuell sind, ihre Lebensweise als überlegen propagieren würden? Entsprechende Aussagen von Verbandsvertretern o.ä. sucht man vergebens. Es ist nichts zu finden. Warum auch? Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Menschen nur weil sie homosexuell, transgender oder sonst etwas sind weniger bescheuert seien sollen als alle anderen. Das sind sie nicht und müssen sie auch nicht sein. Auch das gehört zu Gleichberechtigung.

Allerdings wird gerne darauf verwiesen, dass beispielsweisebei Homosexuellen eine sehr viel größere Suizidneigung besteht, was ja wohl die negativen Seiten dieses „Lebensstils“ offenlegt. Das Ziel hierbei ist klar: Pathologisierung sexueller Orientierungen. Schaut man etwas genauer, dann findet man genügend Studien, die ein differenzierteres Bild zeichnen. Die Suizidneigung wird demnach sehr durch das soziale Umfeld bedingt und steigt, wenn Kinder z.B. abgelehnt werden oder unerwünscht sind und/oder ein probleamtisches Coming-Out haben. Ein gesellschaftlich ausgelöstes Problem gegen eine Gruppe zu wenden ist schon brutal zynisch. Es wäre als würde man den in der Apartheit versklavten Menschen sagen, dass sie ja minderwertig sein müssen – sonst wären sie keine Sklaven. Eine tolle Denkweise und die Rechtfertigung für allerlei vergangenes und zukünftiges Unrecht.

Der Irrweg der Umerziehung

Mit welchem Ziel sollen sollen die Kinder nun aber angeblich umerzogen werden? Zur Homosexualität? Dazu, dass man sich einem anderen oder gar keinem Geschlecht mehr zuordnet? Es wäre spannend herauszufinden, wie das funktionieren soll. Mit der Idee, dass so etwas wie Umerziehung in diesem Fall ohne weiteres möglich ist, befände man sich in illustrer Gesellschaft. So gibt es in den USA durchaus Leute, die Homosexualitiät für eine heilbare Störung halten, die das Ergebnis von traumatischen Ereignissen in der Kindheit ist. Ein Beispiel. Aber auch in Deutschland gibt es diese Ideen. So z.B. das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (Achtung: Der Begriff „Institut“ sagt nichts über Seriösität oder Qualität einer Organisation aus). Die wissenschaftliche Basis für die „Trauma-These“ ist natürlich keine. Vielmehr spiegelt sie die negative Wertung von Homosexualität anschaulich wieder. Anderenfalls müsste man ja auch nicht von „Heilung“ sprechen.

Nirgends Geschädigte

Besteht eigentlich ersthaft die Sorge, dass die Beschäftigung mit entsprechenden Inhalten, die Kinder zu kranken homosexuellen statt gesunden Heteros mutieren lässt? Selbst der Landesschülersprecher von BaWü findet das absurd. Die Angst der Petitionsbefürworter scheint immens zu sein. Man fühlt sich offenbar geradezu umstellt von Homosexuellen Armeen, von Coming-Outs, von Menschen, die ihre sexuelle Orientierung nicht mehr geheim halten und nach einem Ende der Diskriminierung rufen. Ist es die Angst etwas zu verlieren? Geschlechtsidentität? Heterosexualität, weil man plötzlich doch ganz andere Tendenzen in sich entdeckt? Die Familie?

Die Idee, dass Gesellschaft und Familie durch die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften Schaden nimmt, ist über das Stadium des abstrakten Umdieecke-Denkens nie hinaus gekommen. Es ist ein wenig, als würden hellhäutige Amerikaner heute argumentieren, sie hätten an Wert und Rechten verloren, seit die Rassentrennung abgeschafft ist. Und vielleicht gibt es sogar Menschen, die das so sehen. Menschen, die ihren gefühlten eigenen Wert mit der Abwertung anderer erhöhen.

Jammern und diskriminieren

Was die Initiatoren der Petition letztlich mit „Umerziehung“ meinen, bleibt nebulös. Wenn es also nicht darum geht, die Kinder zu homosexuellen Transgendern zu machen, was dann? Die kritisierte Überbetonung ist im BaWü-Bildungsplanpapier nicht wirklich zu erkennen. Auch keine Überhöhung homosexueller Menschen oder Transgender gegenüber anderen. Vielmehr wird formuliert, dass Kinder und Jugendliche gesellschaftliche Realität kennenlernen und sich damit auseinandersetzen. Viele sehen dabei vielleicht eine Gefahr für die Kinder… Argumente, was genau passieren soll und worin diese Gefahr besteht sind jedoch Mangelware.

Im Bildungsplanpapier heißt es an einer Stelle:

  • Schülerinnen und Schüler haben einen vorurteilsfreien Umgang mit der eigenen und anderen sexuellen Identitäten;

  • Schülerinnen und Schüler entwickeln eine Sensibiliät für Stereotype und können diese hinterfragen;

  • Schülerinnen und Schüler sind fähig, sich in einer pluralen Gesellschaft zu verorten und begründete Werthaltungen zu entwickeln.

Ist das Indoktronation? Indoktrination durch Aufklärung über grundlegende Meschenrechte? Indoktrination mit dem Ziel, die Welt kritisch und reflektiert anzuschauen? Dabei formulieren die Petionisten selbst:

Wir unterstützen das Anliegen, Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle nicht zu diskriminieren.

Wo ist also das Problem? Warum soll die Thematisierung tatsächlicher Phänomene schon eine „Übertonung“  sein. Einen interessanten Hinweis auf die Motive der Macher gibt die frühere Version der Petition:

Die LSBTTIQ-Vertreter verfolgen eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemein bildenden Schulen. Werden LSBTTIQ-Menschen nicht in allem positiv anerkannt, wird dies von den Lobbygruppen kategorisch als „diskriminierend“ oder „homophob“ bezeichnet.

Diskriminierung heißt, bestimmte Gruppen sozial zu benachteiligen. Und ja, jemanden „nicht in allem positiv“ anzuerkennen ist Diskriminierung. Geht es dabei um Homosexuelle, ist das homophob. Man muss niemanden lieben, aber Anerkennung ist nunmal die Grundlage für gegenseitigen Respekt. Das kann man auch nicht wirklich schöner verpacken. Das ist die böse, harte Welt. Die Petitionisten sind doch sicher schon groß. Sie sollten damit leben.

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