FernSeher sterben früher

Kennt jemand die „Geschichte vom fernsehverrückten Frank“? Es stammt aus der DDR-Version des „Struwwelpeters“. Das Orginal des „Struwwelpeters“ war ähnlich wie „Max und Moritz“ ein Splatterhorrorfilm, entwickelt von durchgeknallten Gore-Fans. Mangels Braunscher Röhre wurde er seinerzeit nur in Papierform veröffentlicht . Aufgrund eines absurden historischen Mißverständnisses wurde dieses blutrünstige Werk, statt auf den Index zu kommen, zu einem Leitwerk für Erziehung und Moral erklärt. Auch das runderneuerte DDR-Werk hat ein paar eindrucksvolle Szenen zu bieten. Der hohe Bodycount der Orginale wurde im Reboot allerdings abgeschafft. Statt dessen rangierte das Werk eher im Genre des Psychohorrors. So auch „Die Geschichte vom fersehverrückten Frank“. Hier wird ein bis dato unauffälliger Junge plötzlich von seinem psychopathischen Fernsehgerät heimgesucht, das zum Leben erwacht ist. Was aus dem Jungen wird geht aus der Geschichte nicht hervor, ein schweres Trauma und lebenslange stationäre Behandlung sind aber wahrscheinlich. Obwohl von den DDR-Autoren als eine Hommage an Stephen King gedacht, wurde auch dieses Werk als Erziehungsratgeber bzw. als autodidaktisches Instrument für Kinder mißverstanden und in Buch und Schallplattenform veröffentlicht. Und schon damals wussten geneigte Eltern: Fernsehen ist schlecht! Irgendwie. Und „Die Geschichte vom fernsehverrückten Frank“ sollte diese Auffassung möglichst nachhaltig verankern (das bringt mich auf eine Idee für ein Forschungsprojekt: Phobisches Lernen, dazu ggf. später mehr).

Wissenschaftler haben dazu mal wieder irgendetwas herausgefunden, diesmal waren es australische Forscher. Die ZEIT titelt hierzu „Kürzer leben durch Glotze?“. Noch weiter geht’s sogar im Untertitel: „Laut einer Studie frisst Fernsehen 21 Minuten Lebenszeit“. Pro Stunde! Wie hoch dieser Wert ansteigt wenn man z.B. RTL2 eingeschaltet, wird nicht erwähnt. Der Rest des Textes besteht aus dem Hinweis, dass Fernsehen vielleicht doch die bessere Alternative zu noch letaleren Tätigkeiten ist (z.B. Familienbesuche). Verwiesen wird auch gleich auf die Reaktion einer französischen Zeitung: 

„Fernsehen tötet“.

Das liest sich wie der Aufdruck einer Zigarettenschachtel. Vielleicht sollten Fernseher in Zukunft auch so eine Beschriftung bekommen. Sehr gut ist, dass die Zusammenfassung der Orginalstudie direkt verlinkt ist. Hier heißt es im abstract:

„The amount of TV viewed in Australia in 2008 reduced life expectancy at birth by 1.8 years (95% uncertainty interval (UI): 8.4 days to 3.7 years) for men and 1.5 years (95% UI: 6.8 days to 3.1 years) for women.“

und

„TV viewing time may be associated with a loss of life that is comparable to other major chronic disease risk factors such as physical inactivity and obesity.“

(http://bjsm.bmj.com/content/early/2011/08/01/bjsm.2011.085662.abstract?sid=6b9d31f6-171a-4b49-b5d9-bd5acd86fa60; abgerufen 18.10.2011)

Tatsächlich? Fernsehen saugt einem wirklich das Leben heraus? Oder es strahlt einen kaputt?

Nunja, dummerweise reden die Autoren bereits im abstract von „On average„, es geht also um rein statistische Zusammenhänge. Wie langweilig: Also doch keine Kausalität? Und dann gibt es offenbar offenbar noch nicht einmal ein gutes Erklärungsmodell zum Wirkmechanismus des tötenden Fernsehers:

„This study is limited by the low precision with which the relationship between TV viewing time and mortality is currently known.“ (ebd.)

Schade. Aber vielleicht bietet sich ja hier eine Kombination aus dem PsychoTV in „Die Geschichte vom fernsehverrückten Frank“ und irgendwelchen lebensenergiesaugenden Wesen an. Tatsächlich ist hier die Frage, wie denn das Fernsehen seine lebensverkürzende Wirkung entfalten kann. Statistische Zusammenhänge sind ja nunmal – trotz weit verbreiteter gegenteiliger Behauptungen – kein Beweis für einen direkten Wirkmechanismus. Gerade bei diesem Beispiel gibt es naheliegende Erklärungen: So korreliert Fernsehkonsum sicher mit dem Maß an Bewegung, der Ernährung, mit dem Gesundheitszustand einer Person. Diese Risikofaktoren werden ja schon im abstract mit dem Fernsehen förmlich gleichgestellt. Korrelation bedeutet nicht unbedingt Kausalität, sonst brächte der Storch ja doch die Kinder… Und selbst wenn da sich da irgendwo Kausalitäten verstecken, was ist dann Wirkung und was Ursache?  Die Macher der Studie geben an, dass lediglich der Zusammenhang zwischen Fernsehen und Lebenserwartung einzeln quantifiziert werden sollte. Das klingt natürlich viel langweiliger als „Fernsehen tötet“. Und damit fehlt vielleicht auch ein bisschen das Potential für einen tollen Aufmacher: „Schock! Statistischer Zusammenhang zwischen TV-Konsum und Lebenserwartung quantifiziert“. Naja… 

Die vollständige Studie ist nur gegen Gebühr abrufbar, aus egoistisch finanziellen Motiven selbst verwehrt habe. Sicher gibt’s da noch genauere Daten. Allerdings gilt erstmal Entwarnung: kein Hinweis auf einen  lebenssaugenden Psycho-Fernseher… sorry.

Die Macher der Studie sind sich dessen ganz bestimmt bewusst.

(Ich meine die werden doch nicht… die haben doch sicher…) ©

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