Im Land der unerklärlichen Möglichkeiten

Manche Dinge sind wirklich schwer zu verstehen. Zu diesen Dingen gehört die Widersprüchlichkeit der Auffassungen und Menschen in den USA. Einerseits ein faszinierendes Land, mit einem einer Idee der Freiheit des Einzelnen, wie er nirgendwo sonst in der Welt so sehr betont wird. Andererseits gibt es absurdeste Beschränkungen eben dieser Freiheit.

Im Moment erlebt dieses Land nach dem göttlichen Segen der zu oft rechts abgebogenen Tea-Party-Bewegung eine weitere Protestwelle, die OccupyWallStreet  Bewegung. Und einige Botschaften ähneln sich sogar. Nur richten sie sich nicht primär gegen die – wie die Teepartei zu sagen pflegt – sozialistische Regierung. Vielmehr haben sie die großen Konzerne und Banken im Visier. Dabei wird – meines Erachtens völlig zu Recht – auch durchaus mal der Sinn und Nutzen des aktuellen Finanzmarktspekulationsgebahrens angezweifelt.

Jetzt ist die Medienlandschaft in den USA – nun ja – etwas speziell. Diesem Problem widmet sich bevorzugt die manchmal großartige Daily Show mit ihrem Moderator Jon Stewart. Auch für die Reaktion des Rechtsaußenmediums Fox gab eine geniale, entlarvende Zusammenstellung. Hier wird sehr gut gezeigt, wie unterschiedlich  diese beiden Protestbewegungen durch den Sender Fox (auch bekannt unter dem Namen „The Evil“) bewertet werden. Dazu zwei Zitate aus den Fox News:

„The average American taxpayer knows that at the end of the day they are gonna be on the hook for the trillions and trillions of dollars we are using to bail out these companies, some of whom have been irresponsible. And they are expressing their frustration which I think is quintessentially American.“

Sean Hannity (Fox-News)

„They hate corporations, they hate capitalism, and in the end they want statism over free market. So they really don’t like freedom.“  

Sean Hannity (Fox-News)

Obwohl das erste Zitat sehr gut auch auf  OccupyWallStreet passen würde, handelt es sich hierbei um ein Zitat aus dem Jahr 2009… und bezieht sich auf die Tea-Party. Das zweite Zitat wiederrum hat die aktuellen Proteste im Visier. Wenn man genau hinschaut, erkennt man einen ganz feinen Unterschied in der Interpretation beider Bewegungen.

Hinzu kommt eine mediale Sprache, an die man sich nur schwer gewöhnen kann. Da werden ganze Bevölkerungsgruppen diffamiert und beschimpft. Da werden mit geradezu wegweisender Präzision historische Vergleiche abgesondert, meist ein Mischung aus Kommunismus und Nationalsozialismus. Das ist oft so ernstzunehmend wie einer dieser Comics aus der Zeit des kalten Krieges, in dem rotbefellte Kommunistengorillas mit Hakenkreuzmütze die Weltherrschaft erobern wollen. Ein Zitat light:

„All of those (Occupy Wall Street Protester’s) quotes could have been said in 1789 France before the French Revolution, or the Russian Revolution, or with only slight modification when the Nazis were coming to power. This is always the beginning of totalitarianism.“

Ann Coulter (Fox News), 2011 about Occupy Wall Street

Alles drin: Nazis, Kommunisten sogar Verweise auf absolute Monarchien. Von der geschichtlichen Korrektheit her ist das in etwa auf dem Niveau einer Folge Xena. Wobei das den Xena-Machern doch Unrecht tut.

Es ist manchmal schwer zu verstehen, was ein so großer Sender wie Fox alles absondert. Da ist es ja schon fast nicht mehr verwunderlich, dass kritische Gedanken vor allem von Comedy-Formaten formuliert werden. Das geht soweit, dass ausgerechnet Leute, die Florida gerne mal als den Penis der USA darstellen (rein karthografisch-visuell natürlich), eine „Rallye to Restore Sanity“ aufziehen. Mit Millionenpublikum. Und es werden so grundlegende Dinge gesagt, die in Medien und vielmehr noch in der politischen Debatte, viel zu selten ihren Platz finden. Vernunft und Zurechnungsfähigkeit. Kritische Gedanken. Ausgerechnet hier. Mit Leuten wie Stephen Colbert, der als menschgewordene US-Flagge auftritt.

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