Die Welt, die Wirklichkeit und Anne Will

Die Welt ist irgendwie komplex. Also nicht Springers Welt, die ist eher einfach gestrickt, sondern die Welt™. Das ist jetzt auch nicht direkt eine Neuigkeit, kann aber manchmal trotzdem anstrengend sein. Vor allem als Fan einfacher kausaler Beziehungen hat man da schon mal zu leiden. Wenn es gar um gesellschaftliche Probleme geht, dann ist die Situation sogar noch undurchschaubarer. Es sei denn, man bedient sich des Apparats der Stereotypisierung und der Vorurteilsbildung. Evolutionär gesehen war das sicher ein ganz hervorragendes Mittel, schließlich ist es dem Überleben eher abträglich, wenn man noch überlegt, ob ein Tiger gefährlich sein könnte, während man von diesem bereits angeknabbert wird. Auch heute ist dieser Welt vereinfachende Wahrnehmungstrick unerlässlich.

Nun gibt es seit einer Weile natürlich Dinge wie Politik. Es gibt staatliche Systeme. Normen, Werte, Gesetze. Es gibt unzählige Tätigkeiten, in denen man reflektieren muss was man eigentlich wie tut und warum. Ein oft ziemlich anstrengender Denkprozess.

Die letztmittwöchliche Sendung „Anne Will“ hat mit derartigen Vorgängen eher nichts zu tun. Zusammengefasst unter einem Titel, der wie die Betriebsversammlung schlechter Ideen wirkt, trafen hier doch einige interessante Perspektiven aufeinander. Besser gesagt, sie hätten aufeinandertreffen können, wenn sie sich denn irgendwo begegnet wären, statt mit ohrenbetäubender Lautstärke aneinander vorbeizurauschen.

Nun gehört es ja vielleicht nicht zum Konzept dieser Art von Sendungen so etwas wie eine Diskussion zu ermöglichen. Trotzdem ist es frustrierend zu sehen, wie diese Menschen quasi systembedingt aneinander vorbei reden. Viel zu schnell verhakt sich alles, verpufft alles Potential in wilden Geplänkeln. So eine kontroverse Diskussion ist natürlich anspruchsvoll und selbstverständlich sieht jeder seine Position als die einzig richtige an.

Aus der einen Will‘schen Flanke tönt es, türkische Gastarbeiter seien schon damals schlecht behandelt worden, das ständige Ausgegrenze hätte diese Menschen verbittert und das würde viele von den heutigen Problemen verursachen. Darauf wird von gegenüber ausgeworfen, dass könne doch nicht die Erklärung für die heutigen Integrationsprobleme sein, die doch viel mehr auf eine Antigesellschaftsstimmung zurück gehen würden. Darauf wird entgegnet, dass kopftuchtragende Frauen auch heute noch diskriminiert werden, z.B. bei einem Besuch in der Bank. Worauf wiederrum zurückgeschleudert wird, das sei doch Unsinn, schließlich gäbe es Stadtteile, in denen deutschstämmige Menschen die Minderheit bilden und ihrerseits diskriminiert würden (garniert mit bahnbrechenden Aussagen wie: „Schauen Sie doch mal in die Praxis“, „Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel aus dem echten Leben“ oder „Ach Sie haben doch gar keine Lebenserfahrung“). Beweisführung abgeschlossen (und Schlüssel weggeworfen).

Man müsste nur das Thema ein wenig abändern: Person A findet, dass Rentner asozial sind, weil sie im Rentnervierteil in Halle (fiktives Beispiel 🙂 ) mehrfach angepöbelt wurde. Person B ist darüber ungehalten: Rentner seien überhaupt die besten und weisesten, schließlich grüßen in Bonn immer alle schön freundlich. Sie betont, dass Person A überhaupt keine Lebenserfahrung besitzt. Daraufhin erklärt Person A, dass Person B doch bitte mal in die wirklich reale Realitätswirklichkeit (also Halle/Saale) schauen soll.

Ein schöner Streit, den man noch schön mit Zündelei antreiben kann. Dabei schließen sich die Perspektiven noch nicht mal aus. Mehr noch: Sie funktionieren gleichzeitig. Komplex! Das macht es natürlich nicht einfacher und wohl auch nicht schöner. Aber es hülft ja nüscht (wie meine Oma manchmal zu sagen pflegte). Es kann eben auch sehr gut gleichzeitig zutreffen, dass man als deutschstämmige wie auch als Kind türkischer Einwanderer diskriminiert wird. Manchmal geht das ja vielleicht sogar Hand-in-Hand und verstärkt sich.

Aber natürlich geht es ja in so einer Sendung und auch sonst oft gar nicht darum irgendwas auseinanderzuklamüsern. Viel eher um Schuld. Irgendwer muss ja schließlich Schuld sein. Komplexität und die notwendige Differenzierung? Das wird da schnell zur Nebensache. Und da bietet es sich ja auch an die Schuldfrage möglichst mit Pauschalisierungen zu verbinden: „Die Türken integrieren sich nicht“ oder auch „Die Deutschen diskriminieren ständig“. Das Ganze wird dann oft von einem „naja, nicht alle“ oder „viele sind auch ganz nett“ begleitet (Wobei das Intro: „Ich hab nichts gegen Ausländer, aber…“ immer noch die sozusagen Exzellenz des Geistreichtums darstellt).

Dem Diskussionskonzept dieser ARD-Sendung scheint’s recht zu sein, es ist ja wohl gar nicht auf eine Diskussion im klassischen Sinne aus. Schon gar nicht an der Entstehung eines Gedankens. Alles was interessant werden könnte, ein Austausch, eine Verständigung wird durch das Konzept wirksam und nachhaltig eingestampft.

Eher noch wird gezündelt, mit tollen Einspielern angeheizt. Hier ein in gebrochenem deutsch pöbelnder Jugendlicher, da das Ergebnis einer sorgfältigen Recherche in der Quelle „Internet“. Ganz repräsentativ – versteht sich. „Einblicke in die Wirklichkeit“ wird das dann genannt. Und dann kann sich die Runde noch etwas mehr echauffieren. Und auch die mir eigentlich sympathische Moderatorin – macht’s genauso.

Schade, aber wenigstens gab’s trotz allem ein paar interessante Menschen und Meinungen zu sehen und so vielleicht ja doch ein paar kleine Einblicke in die Komplexität des Themas.

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