Konflikte sind unsere Freunde…

Konflikte – so heißt es in diverser Fachliteratur – sind unsere Freunde. Sie seien so etwas wie das Medium, das unterschiedliche Positionen zu Tage bringt. Deshalb wäre ein Konflikt an sich auch total toll, würde Energien freisetzen und ganz ganz viel Fortschritt bringen. Zumindest wenn er über Diskussionen ausgetragen wird. Das nennt sich dann konstruktiver Umgang. Konstruktiv ist demnach weder das unmittelbare „vor-die-Tür-gehen“ noch das Übertönen des Gegenübers. Wikipedia erwähnt zu einer guten Diskussionen Worte wie „wechselseitiger Respekt“, darüber hinaus soll man gar „gegenteilige Argumente und Meinungen zuzulassen und genau zu prüfen, anstatt diese vorschnell zu verwerfen“. Und sowieso:„Ein guter Diskutant hört zu, lässt ausreden und ist konzentriert genug um auf das vom Gegenüber Gesagte einzugehen und seine eigenen Argumente sachlich darzustellen. Im Idealfall ist er gelassen und höflich.“ (Quelle: Internet (hinten links))

Das klingt total vernünftig.

Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie Konflikte irgendwie zu sinnvollen Dingen führen.

Nun sind Menschen natürlich keine wandelnden Lexika. Und jenseits des Diskussionsstils fließen irgendwie dann auch noch ganz andere Dinge in so eine Unterhaltung mit ein. Und an sich ist das ja auch gut, sonst wären Menschen ja auch keine Menschen sondern so lustige Diskursbots.

Aber!

Es kann so unerträglich anstrengend sein, wenn eine Diskussion so sehr nicht nach diesen Grundprinzipien verläuft. Und wenn das auch noch so früh im Verlauf (z.B. nach dem ersten Satz) passiert, dass man eigentlich auch direkt in der Mitte eben dieses ersten Satzes abbrechen und etwas sinnvolleres machen könnte (z.B. was in den Blog kritzeln)… …Nun ja. Da es sich nunmal nicht so zutrug, kam es anders [oder auch im Konjunktiv um den vollständig hypothetischen Gehalt des bisher und zukünftig Gesagten zu unterstreichen: Trüge es sich nicht so zu, würde es anders kommen]:

Man stelle sich folgende hypothetische Situation vor:

Man günge eines sonnigen Morgens in eine dieser Sammelstationen für 0-6jährige. Man hätte einen Gedanken im Kopf, ein leidiges Problem (z.B. Mittagsschlaf) zu besprechen, genauer die Inkombatibilität eines Kindes in Bezug auf dieses Ritual (also den Mittagsschlaf). Und natürlich hätte das, wie alles in der Welt schon eine Vergangenheit.

Eigentlich würde man also nur eine vom Kind empfundene Drucksituation entschärfen wollen. Ein denkbares Beispiel wäre hier etwa der Zwang, beim Mittagsschlaf die Augen zu schließen (und der Anlass könnte in diesem Fall die Unzufriedenheit oder Angst des Kindes vor dieser Drucksituation sein, was von diesem mit Tränen untermalt wird). Natürlich weinen Kinder immer mal wieder und aus den unterschiedlichsten Gründen, aber in diesem Moment nimmt man eine große Ernsthaftigkeit oder gar Panik wahr. Und man empfindet den Zwang zum Augenschließen ja vielleicht gar als eine Grenzüberschreitung.

Also wendet man sich an das Personal der Einrichtung. Da bei diesem aber schon die erste Erwähnung ein verzogenes Gesicht und eine abwinkende Geste nach sich zieht, sorgt das für eine gewisse Unzufriedenheit. Man fragt sich also: Hat die Nachricht schon den Stellenwert erhalten, den man ihr gerne einräumen würde? Deshalb hakt man nach. Und so heißt es bald darauf aus Personalrichtung: „Das Problem gibt es nicht“. „Gut“ denkt man sich und erwidert: „Umso besser, wenn dieses Augenschließengezwinge nicht oder nicht mehr stattfindet, dann ist ja allen geholfen. Aber ein weinendes Kind hat das nunmal gesagt, deshalb ist es mir wichtig das zu klären und darum zu bitten, dass das auch wirklich nicht mehr stattfindet“.

Und ab diesem Moment nimmt das Gespräch dann einen interessanteren Verlauf:

ErzieherIn (E): „Naja vielleicht hat er da auch mal irgendwas mitbekommen, was Sie da immer so diskutieren“.

Mutter/Vater (MV): „Wie bitte? Was meinen Sie?“

E: „Naja sie sind ja auch dagegen. Mittagsschlaf.“

MV: „Stimmt. Finde das furchtbar, diesen Mittagsschlafzwang. Ein garstiges Überbleibsel aus der DDR. Find ich nicht gut. Und gute Argumente dafür gibt es auch nicht. Mittagsruhe ist ein ganz anderes Thema. Aber Mittagsschlaf…“

E: „Steht aber im Konzept. Da kann man sein Kind ja auch woanders hinbringen“

MV: „Da steht aber nichts von Augenzumachzwang“

E: „Ach jetzt sein Sie doch nicht so Korinthenkackerisch“

MV: verwirrt über diese doch überraschende Wendung

„korithenkackererisch? Mir geht’s hier nur um die Angst meines Kindes“

E: „Sie sind ja eh dagegen. Müssen immer über alles diskutieren“

MV: „In diesem Fall geht’s nur um mein Kind. Mittagsschlaf grundsätzlich habe ich auch schon angesprochen. Aber darum solls hier nicht gehen.“

E: „Sie haben Ihre Meinung und ich meine. Und das mit dem Mittagsschlaf klappt doch bei mir in der Gruppe“

MV: „Der Kleine weint…“

E: „Das müssen Sie dann auch mal übergehen“

MV: „Ähm. Nein. Find ich irgendwie nicht so gut. Ich mag sowieso dieses ganze Mittagsschlafgebahren nicht“

E: „Ja Sie müssen gegen alles sein. Lesen sie das Konzept. Sie mit ihrem Unihintergrund können das ja gerne glauben. Wir machen hier unsere Aufgabe“

MV: verwirrt über die neuerliche Wendung

„Was hat jetzt die Uni damit zu tun?“

E: „Sie haben Ihre Meinung und ich meine“.

MV: ein erstes Gefühl von Verzweiflung macht sich breit

„Es ging mir nur um das Kind.“

E: „Es klappt ja alles Mittags. Er schläft doch.“

MV: „Aber er hat Angst davor, weint…“

E: „Jetzt diskutieren Sie schon wieder. Das finde ich unverschämt. Und Sie unterbrechen mich ständig, sind respektlos. Neulich beim Elternabend schon. Da haben Sie ständig über dieses Thema geredet.“

MV: „Ist mir eben wichtig. Und ich bin sicher nicht respektlos, nur weil ich diskutiere.“

E: „Jetzt diskutieren Sie schon wieder. Ihre Art kann ich nicht ertragen. Nur weil Sie von der Uni kommen…“

MV: wird langsam ungehalten, lauter, verwirrter und sowieso

„Werden Sie doch nicht so persönlich. Hier geht es doch um die Sache. Den Mittagsschlaf. Nein. Nochnichtmal das. Es geht um ein weinendes Kind.“

E: „Bei mir klappt der Mittagsschlaf immer. Das Kind schläft schnell ein“.

MV: „Aber er hat Angst davor! Und bekommt Panik!“

E: „Jetzt machen Sie’s schon wieder. Ich finde das unmöglich. Was werfen Sie mir eigentlich vor. Ich tue doch den Kindern nichts. Und überhaupt, ich habe nun wirklich einige Jahre länger mit Kindern zu tun, bin ja nun wirklich um einiges älter.“

MV: moderate Pulserhöhung

„Was hat denn jetzt ihr Alter damit zu tun? Ich weiß gar nicht, was die persönlichen Dinge immer sollen. Das hat nichts damit zu tun. Finde ich im übrigen unprofessionell. Auch neulich beim Elternabend, als Sie mein Kind in die Diskussion gezogen haben, statt zu argumentieren. Völlig unprofessionell.“

E: „Das können Sie mir gerne sagen, wenn das Ihre Meinung ist. Besser als alles für sich zu behalten“

MV: „Tue ich ja gerade. Habe aber leider nicht den Eindruck, dass das irgendwas bringt. So wie keine Diskussion, egal über welches Thema, hier jemals was bringt.“

E: „Weil Sie aber auch immer diskutieren müssen. Überall einmischen“

Eine zweite zum Personal zählende Person schreitet (wohl) schlichtend ein. Erklärt, es wäre der falsche Ort, die falsche Zeit und überhaupt gäb’s zuviel Arbeit und MV halte sie von eben jener ab.

MV: sieht sich jetzt nicht direkt in der Schuld, schließlich gehören mind. zwei selbstständig aktiv Beteiligte zu einer Diskussion (vgl. Wikipedia)

„Ich wollte nur über mein Kind sprechen und dass es Angst vor dem Mittagsschlaf hat, weil es die Augen zumachen soll. Das gehört sehr wohl hier her. Die andere Diskussion sicher nicht, aber das liegt jetzt nicht primär bei mir.“

E: „Sie müssen aber immer diskutieren. Lesen Sie das Konzept. Außerdem klappt das alles bei Ihrem Sohn. Nur bei einem anderen Kind der Gruppe klappt das nicht. Das weint oft. Aber das schläft dann auch immer irgendwann, dann ist es gut.“

MV: Findet nach wie vor nicht, dass die Tatsache, dass ein Kind zur Mittagszeit nach viel Geheule irgendwann einschläft, für sich genommen ein pädagogischer Erfolg ist. Beißt sich auf die Zunge, um nicht wieder von vorne anzufangen.

„Ich möchte darum bitten, mein Kind nicht mehr mit „Augenzumachen“ unter Druck zu setzen“

E: „Mache ich sowieso nicht. Nur am Anfang. Und dann vielleicht noch ein zweites Mal.“

MV: „Genau das ist das Problem!“

E: „Jetzt fangen Sie schon wieder an…“

Ende des  fiktiven Transkripts. Natürlich ist das alles verkürzt und selektiv wiedergegeben . Trotzdem, das Ergebnis ist hier: Keine Entwicklung, schlechte Stimmung, ein Elternteil, das im Kindergarten nachhaltig verschissen hat und jetzt auch noch als Flurterrorist gilt, sowie (noch mehr) frustriertes Personal. Sicher hat das fiktive Elternteil nicht alles perfekt gemacht im Gespräch, ein Kommunikationsberater würde sicher einiges finden. Und doch: Mit einer Mauer ließe sich besser diskutieren. Immer wenn das Elternteil ein vermeintlich gutes Argument hätte, würde das Gegenüber (E) die Diskussionebene wechseln und auf persönliche Kritik („Na Sie und ihr Kind, das sieht man ja schon…“) oder das Phrasenschwein („Sie haben Ihre Meinung…“) ausweichen. Guten Tag Frustration!

Bleibt nur die Hoffnung, dass trotzdem die Bitte oder besser Forderung auf den Augenzumachzwang zu verzichten irgendwie durchgedrungen ist. Das ist die Hoffnung. Und die stirbt ja bekanntlich zuletzt. Aber sie stirbt (©Malmsheimer). Auch in hypothetischen Szenarien.

Ein Konflikt, eine Diskussion scheint also leider nicht immer sowas Entwicklung oder Fortschritt zu bringen, geschweige denn mit Freude der Beteiligten über den gemeinsamen Austausch einherzugehen. Auch ein Grund, weshalb man sowas oft meidet. Aber was ist denn die Alternative? Ein wichtiges Thema nicht anzusprechen, um den Scheinfrieden zu wahren? Vielleicht immerhin besser als die Situation nachhaltig und kapital zu verscheren? Oder klappts mit besserer Gesprächsführung?

Ratlos… aber weiter prinzipiell an den Sinn von Diskussionen glaubend.

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