Das Recht Blödsinn zu erzählen

Sven Heibel (CDU) hat sich geoutet: Er ist homophob. Nicht nur ein bisschen. Nein, Sven Heibel bedauert ausdrücklich das Verschwinden des Paragraphen 175 aus dem Strafgesetzbuch und spricht sich damit für eine Kriminalisierung von Homosexuellen aus. Der Mann mit dem Wahlslogan „Zukunft statt Vergangenheit“ tat dies dann auch gleich öffentlich auf seinem Facebook-Profil: „Vor 20 Jahren wurde die Strafbarkeit der Homosexualität, § 175 StGB, abgeschafft. Ich weiß nicht, ob das ein Grund zum Feiern ist“. Diskriminierend sei das natürlich nicht gemeint. Nein Sven Heibel ist sehr tolerant, solange die Schwulen sicher hinter Gittern sitzen.

Der Beitrag wurde zwar aufgrund des unvermeidbar vernichtenden Echos schnell gelöscht, verschiedene Medien hatten sich die Schlagzeile jedoch längst gesichert. Daraufhin setzte der bekennende Kämpfer für die Freiheit (aller Heterosexuellen) das Zitat wieder auf sein Profil mit dem trotzigen Verweis das Zitat „ist und bleibe in der Welt“. Inzwischen wurde auch dieser Beitrag wieder entfernt.

Heibel vergaß in seinem zweiten Beitrag allerdings nicht auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung hinweisen, ein Recht, dass er durch die überwältigenden Reaktionen bedroht sehe. Wie Sarrazin und andere stimmte er damit in den „Das wird man doch wohl mal sagen dürfen“-Chor ein. Nun ist es aber so, dass Sven Heibel eben genau das getan hat, seine Meinung sagen. Und das ist ja auch ganz gut so, denn gerade potentielle Wählen konnten ihn auf diese Weise gleich etwas besser kennenlernen. Was dann aber wohl weniger gefiel, sind die Reaktionen, in denen er recht treffsicher als homophob oder ewig gestrig bezeichnet wurde.

Er ist nicht der Einzige, der in solchen Reaktionen einen Angriff auf die Grundrechte sieht. Inzwischen scheint zu einer Art Trend zu werden, das Thema Meinungsfreiheit für jeden denkbaren Unsinn zu vergewaltigen. Nur wird von diesen Freiheitskämpfern ein wichtiger Punkt übersehen: Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass nur meine eigene Meinung frei. Dazu gehört auch Blödsinn als Blödsinn zu bezeichnen, Ausländerfeindlichkeit als Ausländerfeindlichkei, Homophobie als Homophobie. Natürlich werden solche Diskussionen manchmal mit harten Bandagen geführt. Sven Heibel beschwert sich darüber. Über Drohungen und Beleidigungen sicher zu Recht. Aber über den Gegenwind generell? Wie werden seine Aussagen wohl auf homosexuelle Menschen gewirkt haben? Wie ist das wohl, wenn das eigene Leben kriminalisiert wird?

Nun ist das aber ist der Tenor der selbsternannten Freiheitskämpfer. Sie betonen ihr eigenes Recht sagen zu dürfen, was immer sie wollen. Alles im Namen der Meinungsfreiheit. Wenn es dann entsprechende Reaktionen gibt, ist das Gejammer groß. Gegenwind ist eben anstrengend. Die brutalstmöglichen Aufklärer scheitern damit an ihrer eigenen Aufklärung. Thilo Sarrazin trieb diese Bigotterie mit seinem Buch über den „Tugendterror“ auf den Höhepunkt. Ein Mann veröffentlicht ein Buch, in dem von Denkverboten und vom Zwang zur Political Correctness die Rede ist. Die Folgen für den heldenhaften Kämpfer waren Einladungen in Talkshow und Millionen verkaufte Bücher. Aber offenbar funktioniert es und die Legende der Unterdrückten Rebellen für Gerechtigkeit besteht weiter. Und doch übersehen sie etwas Grundlegendes: Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass alle anderen jeden noch so blöden Gedanken feiern müssen.

Das ganz normale Chlorhühnchen

Normalität kann manchmal lächerlich sein. Zumindest wenn man sie ganz plötzlich nicht mehr als Normalität wahrnimmt. Die aktuelle Normalität, das ist Geflügelhaltung in Anlagen mit der Bevölkerungszahl einer Metropole. Und dazu passende Schlachtfabriken, die es auf beachtliche 3,33 Tiere pro Sekunde bringen. Ganz so schnell könnte Bono wohl nicht klatschen. Nun ja, so weit, so normal.

Und nun kommt mit TTIP plötzlich das Thema Chlorhühnchen auf den Tisch und eine neue Normalität wird erkennbar. Nämlich, dass das Geflügel zu einem großen Teil mit Salmonellen und anderen kleinen Gästen befallen ist. Und deshalb, ja deshalb sei es auch richtig und wichtig hier und da ein wenig zu chloren. Schädlich ist das nicht, befindet das Bundesinstitut für Risikobewertung. Im Gegenteil, es wird von einer sinnvollen, ja überfälligen Maßnahme gesprochen, um die Keimflut in den Griff zu bekommen.

Da ist sie wieder, die normative Macht des Faktischen. Wir haben Tierfabriken mit Millionen Insassen und damit sogleich ein Casting für „Worlds Next Supergerm“ ausgerufen. Und eine der Reaktionen darauf ist nun eine Wellnesskur im Chlorbad. Ich kann die Schädlichkeit dieser Behandlung nicht wirklich beurteilen. Aber kann, soll, muss das wirklich der einzig mögliche Weg sein? Dass so viele Menschen, inklusive forschender Wissenschaftler das gegebene einfach als gesetzt hinnehmen? Und kein Kommentar zur Entstehung des Problems? Keine Kritik an Haltungsbedingungen? Daran, dass ein Hühnchen für 1,99 eigentlich einen viel höheren Preis hat? Ein Preis der gewiss nicht nur die Entstehung Keime beinhaltet.

Aber es klingt so normal: „Hey die Viecher sind keimbelastet. Nehmen wir Chlor, das kenn ich aus dem Schwimmbad.“ Und wenn morgen bekannt wird, dass verstrahltes Abwasser in Ostsee eingeleitet wird und alle ihr Alternativlos-Gesicht aufsetzen… nun dann muss man eben im Schutzanzug schwimmen gehen.

Sprecht nur für euch

Eine Frau steht inmitten einer Demonstration.* Gegen Homoehe, Homoadoption und Homo sowieso. „Wir Frauen“ sagt sie und meint damit 90% ihrer gefühlten Schwestern. Diese überschaubare Gruppe irgendwo jenseits der Drei-Milliardengrenze würde Ekel empfinden beim Betrachten von Männern, die ihr „Geschlecht“ in einen anderen stecken. Und direkt stellen sich mir einige Fragen.  Warum konsumiert sie offenbar so ausufernd Schwulenpornos? Wie soll dieser Geschlechtstransfer eigentlich aussehen? Vor allem aber: Woher kommt diese selbstüberzeugte Sicherheit, als Sprecherin für nahezu alle Frauen aufzutreten? Wie kommt sie dazu all diese Menschen in moralische Geiselhaft zu nehmen und sie zu Teilzeitdenkern zu degradieren?

Und ist das ja kein Einzelfall. Gerade wenn es um Geschlechterdebatten geht, maßen sich Leute gerne an stellvertretend für „ihre“ Hälfte der Menschheit zu sprechen. Das ist schon in Anbetracht der der schieren Menge mutig. Doch diese Herangehensweise ist typisch in den Medien aber auch im Alltag, wenn sie mal wieder über DIE Frauen oder DIE Männer reden.

Beliebt ist das Ganze auch, wenn mal wieder jemand die nebulöse schweigende Mehrheit bemüht. Diese vielzitierte „schweigende Mehrheit“. Die ja dem Namen nach die Angewohnheit hat, zu schweigen. Und so stellt sich die Frage, warum man annimmt, in deren Interesse sprechen zu können.

Es grenzt eigentlich an Größenwahn. Abgesehen davon ärgert es mich auch ganz persönlich. Es ist ja schön, wenn Leute eigene Erkenntnis gewinnen oder sich gar frisch erleuchtet fühlen. Ich möchte aber nicht von willkürlich daher gelaufen Menschen, mit denen ich zufällig ein gemeinsames Merkmal teile, in irgendwelche Gruppen eingeordnet werden. Ich möchte keine Zwangsintegration weder in ein „ihr“ („Was denkt ihr Männer euch eigentlich?“) noch in ein „wir“ („Wir Eltern denken, fühlen und tun folgendes!“).

Demut ist leider ein Wort, das von der Kirche in der Historie recht erfolgreich entstellt wurde. Dennoch passt es in diesem Fall irgendwie. Etwas mehr Demut, etwas weniger Größenwahn wäre angebracht. Es würde kein einziges Argument – so man denn eins hat – entwerten, wenn man einfach einmal nur für sich selbst spricht und die anderen entscheiden lässt, ob sie genauso denken, fühlen, leben.

 

*eine aufwühlende Dokumenation übrigens

Leserkommentare auf die Schlagzeilen von morgen

Sexuelle Belästigung: Gleichstellungsbeauftragte wird Opfer sexueller Übergriffe eines Kollegen.

 


 KritischerBürger

19.35

„Gleich“stellungsbeauftragte. Ein Euphemismus. Wieso sind das immer Frauen. Wieso nicht Männer? Das ist doch inzwischen Männerdiskrimierung. Männer werden immer mehr benachteiligt. Bald haben wir eine Tussikratie.


  My2cents

19.44

Dass sich Gleichstellungsbeauftragte immer überall einmischen müssen. Wenn die männlichen Bewerber halt besser geeignet sind? Dieser Quotenschwachsinn sorgt nur dafür, dass unqualifiziertere Menschen auf die Posten kommen. Sieht man ja an den ganzen Frauen in der Politik. MEINE MEINUNG!!!!!


 Bario_Marth75

19.50

Sicher wieder so ne arschwackelnde Tussi die immer allen ihre Brüste entgegenrekt. Alter… und dann wundern das man reagiert. Aber die Männer sind natürlich wieder Schuld…


  NiveauSinkt!

19.52

Die Artikel hier werden immer schlechter. Die Qualität sinkt immer weiter. Wieso wird über so unwichtige Themen geschrieben? Lesen ist reine Zeitverschwendung.


  Benutzername44

19.53

Der „Täter“ war sicher einfach sauer wegen dieser ständigen Diskriminierung der Männer. Verständlich. In manchen Chefetagen sitzen jetzt schon mehr Männer als Frauen. Und das kann ja wohl nicht das Ziel sein.


  Pro-Stata

19.54

Sicher wieder nur so eine radikale Gender-Emanze, die sich gleich belästigt fühlt, wenn man sie mal ein bissel männlich ansieht. Wie soll man denn Frauen überhaupt noch gegenübertreten?


  AntiGrünFa

19.55

Oh jetzt können die linksgrünen Frauenversteher-Gutmenschen wieder rumheulen, wie böse all die Männer sind.


 User1984

19.57

Ich würde ja meine Meinung dazu sagen, aber die kann man in unserer politisch korrekten Welt ja nicht mehr frei äußern.


 

Wir wollen ja niemanden diskriminieren, aber…

Baden-Württemberg steht eine furchtbare Zukunft bevor. Zumindest wenn man von all jene Kommentatoren ausgeht, die offenbar von der Existenz des Weltherrschaftsplan der LSBTTIQ-Verschwörergruppe und ihrer Linksgrünökofaschistenunterstützer überzeugt sind. Übertrieben? Ein bisschen.

Alles nur wegen eines kleinen Papiers einer Kommission, die einen neuen Bildungsplan erarbeiten soll. Ein Werk, von dessen Existenz sonst wahrscheinlich kaum jemand wüsste. Immerhin, ein Lehrer hat es gelesen und sah sich sogleich veranlasst eine Petition zu verfassen um, wie er sagt, Kinder vor großem Schaden zu bewahren. .

„Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“, schon der Titel der Petion, deutet eine arg düstere Zukunftvision an. Von Überbetonung einzelner Gruppen ist die Rede. Von Beschönigung eines Lebensstils mit sehr dunklen Seiten. Von Ideologie. Eine  „pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“ erkannt. Aber das ist nichteinmal die erste Fassung, denn die wurde vom Portal openpetion.org aufgrund diskriminierender Inhalte nicht zugelassen.  Ursprünglich stand darin noch etwas von „Indoktrination“ von „Missionierung“ von „LSBTTIQ-Lobbyisten“.

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Alles besser

„Immer noch geiler Song… Sowas kriegen die heute leider nicht mehr hin.“

Woran denkt man bei einem solchen Kommentar? An welche Band? An welches Lied? Welche Musikrichtung? An welche Zeit? Vielleicht die Beatles? Metallica? Peter Maffay? Oder Mozart?

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Die Problemschule

Was läuft falsch im Bildungssystem? Unter dieser Frage rief jüngst rief die Süddeutsche zur Diskussion auf. Das ist natürlich eine schwierige Frage, zu der es viele Antworten und Meinungen gibt. Wenig Beachtung findet dabei meist ein ganz eigene Problemursache: Das Gymnasium.

Die beste Schule von allen – Warum eigentlich?

Eigentlich ist es eine verbreitete Auffassung, dass das Gymnasium die beste Schulform von allen ist. Nicht jeder kann schließlich dort hin. Es ist wie bei einem Club, in den man nicht ganz so einfach hinein kommt: Schon allein die Exklusivität lässt den Wert steigen. Womöglich wird gar die Tatsache, dass nicht alle Schüler dem Unterricht am Gymnasium folgen können, als positives Qualitätsmerkmal wahrgenommen. Eine ähnliche Logik wird auch gern für Studienfächer angewandt: hohe Durchfallquoten gelten als Indiz für hohe Qualität. Wie gut allerdings der Unterricht, also der pädagogische Prozess gestaltet wird, das spielt bei dieser Frage meist überhaupt keine Rolle. Schlechter Unterricht kann so in strahlendem Glanz erscheinen, wenn nur die Anforderungen hoch genug sind. Nun ist natürlich gymnasialer Unterricht nicht generell schlecht. Es ist wie in anderen Schulformen auch höchst unterschiedlich. Und doch gibt es ein grundlegendes Problem: Das Gymnasium hat stärker als andere Schulformen die Möglichkeit unpassende Schüler loszuwerden. So entsteht schnell die Tendenz Gründe für Schwierigkeiten allein auf Schülerseite zu suchen. Das sind keine gute Voraussetzung für die Weiterentwicklung von Unterricht und Schule. Anpassen müssen sich die Schüler… oder sie müssen eben gehen.

Das Gymnasium, die Krone des Schulsystems. In diese Wahrnehmung passt auch die unterschiedliche Besoldung der Lehrer nach Schulformen. Die höchste Vergütung bringt nach wie vor der gymnasiale Lehramtsabschluss. Wird am Gymnasium aber bessere pädagogische Arbeit geleistet? Nimmt man Studien zur Schul- und Unterrichtsqualität zeichnen sich gute Schulen vor allem durch Merkmale wie Stabilität im Kollegium, Arbeit der Schulleitung, Umgang mit Vielfalt, Planung und ähnliches aus. (Natürlich sind diese Studien – manchmal notwendigerweise – enggeführt, schließlich ist die Frage, was überhaupt Bildung ist und was Kinder und Jugendliche in der Welt so alles so alles benötigen nicht trivial. Dass Gymnasien oder gymnasialer Unterricht aber besser sind, als der Unterricht in anderen Schulen, lässt sich damit nicht belegen. „Besser“ sind vor allem die Schüler. „Besser“ im Sinne eines schwammig definierten Verständnisses sogenannter „Gymnasialfähigkeit“. Dass aber eine Schulform besser ist, weil sie sich die Schüler zu großen Teilen aussuchen kann, das hat schon eine besondere Zynik – vor allem gegenüber der Arbeit, die Pädagogen anderer Schulformen leisten.

Die Macht des Gymnasiums

Das Gratisqualitätssiegel für Gymnasien hat dabei bereits in der Vergangenheit interessante Entwicklungen mit sich gebracht, so z.B. bei der Einführung der Gesamtschulen in den westlichen Bundesländern in den 70ern und 80ern. Die Gesamtschulen hatten hier einen ganz grundsätzlichen Nachteil: waren die Kinder leistungsfähig – bzw. gymnasialfähig – genug, dann wurden sie mehrheitlich auch auf das Gymnasium geschickt. Das beeinflusst natürlich die Zusammensetzung der Schülerschaft der Gesamtschulen, denn diese Schüler sind dort nicht zu finden. Vielfalt als pädagogisches Konzept wird dadurch von vornherein eingeschränkt.

Wenn es um Bildungsreformen geht, entfaltet das Gymnasium eine ganz eigene Macht: als gefühlt beste Schulform wird es mit aller Macht verteidigt. Verteidigt wird damit auch das Weiterbestehen des gegliederten Schulsystems. Die Hauptschule wird als weniger wertvoll betrachtet, sie wurde in einzelnen Bundesländern bereits abgeschafft. Das Gymnasium dagegen hält sich wacker. Es hat viele Fürsprecher.

Wie so ein Prozess ablaufen kann, konnte man im Jahr 2006 in Hamburg beobachten. Eine recht vorsichtige Systemreform, nämlich eine Verlängerung der Grundschule auf 6 Jahre und eine parallele Einführung sogenannter Stadtteilschulen wurde dort durch einen Volksentscheid gestoppt. Die Sprecher der Gegeninitiative „Wir wollen lernen!“ bewiesen dabei durchaus Kreativität, sei es in scharfsinnigen Spots oder mit phantasievoller wissenschaftsähnlicher Argumentation.

(So wurde beispielsweise das PISA-Ergebnis der Hamburger Schulen mit dem anderer Länder verglichen. Feierlaune verbreitete dabei unter anderem das durchschnittlich bessere Abschneiden Hamburgs im Vergleich zum „PISA-Vorzeigeland“ USA (Orginalzitat „Wir wollen lernen!“). Nun gibt es sicher kaum relevante Unterschiede zwischen den USA und einem Stadtstaat in Deutschland, so dass der Vergleich wirklich intelligent gewählt war. Triumpfstimmung verbreitete auch, dass die Ergebnisse der Gymnasien besser waren, als die der Schulen anderen Länder – die Schüler mit den höchsten Schulleistungsergebnissen in Deutschland schnitten also besser ab, als der Durchschnitt der anderen Länder. Genial. Die besten 10% der Schüler des Gymnasiums hätten sicher noch höhere Punktwerte erzielt.)

Teil der geplanten Reform war dabei auch die Abschaffung des Elternwahlrechts bei der Wahl der weiterführenden Schule. Über diese Frage sollten zukünftig Lehrer. Das wiederrum verärgerte viele Eltern und votierten gegen die empfundene Schwächung des Gymnasiums und die Einschränkungen bei der Mitentscheidung, welche Schulform ihr Kind besuchen wird. Schaut man sich diese Aussagen genauer an zeigt sich eine interessante Doppelargumentation: Selektionsschule: Na klar. Aber mein Kind geht auf’s Gymnasium. Natürlich wollen alle das Beste für ihr Kind. In diesem Fall heißt das vor allem: Gymnasialbesuch. Der Widerstand gegen den empfundenen sozialen Abstieg der Kinder ist vor allem bei Eltern mit höherem sozio-öknomischen Status bzw. Bildungsabschluss hoch. Sehr viel höher vor allem als der Wunsch anderer Eltern, dass ihre Kinder sozial aussteigen. Es gibt starke Unterschiede in den Schullaufbahnentscheidungen, je nach sozialem Hintergrund. Und das ist an den verschiedenen Schulformen durchaus sichtbar. Soll es also nun die harte, grausame, Welt mit Selektionsschule sein oder nicht? Oder geht es gar darum, dass die eigenen Kinder eben nicht mit ganz bestimmten anderen Kindern zusammen an einem Ort sein müssen?

Bauern-, Bürger- und Gelehrtenschulen

Möglicherweise passt das Empfinden auch einfach viel mehr zum Ursprung des gegliederten Schulsystems. Schließlich ging es im 18. Jahrhundert noch um Bauern-, Bürger- und Gelehrtenschulen, gemäß der Einteilung des Volkes in untere, mittlere und obere Schicht. Über die Jahrhunderte haben sich die Argumente für das gegliederte Schulsystem geändert. So sprach man später gern von „begabungsgerechten“ Schulformen oder darum, dass pädagogische Arbeit mit allzu heterogenen Schülern schlicht nicht möglich sein und sie deshalb getrennt werden sollten (Grundschulen leisten demnach unmögliche Arbeit). Die Gliederung an sich blieb bestehen.

„Begabungsgerechte Schulformen“ – das ist eine politische Formulierung, die gern zur Verteidigung des gegliederten Schulsystems ins Feld geführt wird. Was Begabung überhaupt sein soll und welche Begabungen es gibt… nunja… da gibt es eben praktisch Begabte und theoretisch Begabte. Beides gleichzeitig oder gar ein komplexes Zusammenspiel von Fähigkeiten und Interessen – wohl ein zu komplexer Zugang. Aber die Schulformen sollen den Individuen entgegen kommen. Drei Schulformen für drei ganz individuelle Menschengruppen? Warum eigentlich nicht ein 10Millionen-gliedriges Schulsystem? Aber vielleicht ist individuelle Förderung dann doch der einfachere Zugang.

Die Wahrnehmung der Betroffenen ist ohnehin eine andere. Mit den politischen Formulierungen hat das wenig zu tun. Es werden vermutlich nicht viele Kinder oder Eltern formulieren: „Wir wählen die meinen Fähigkeiten und Leistungen entsprechende Hauptschule, weil sie mich am besten fördert.“ Ein: „Schade, ich habs nicht auf die bessere Schule geschafft“ ist wohl wahrscheinlicher. Womöglich verbunden mit einem „Ich bin schlecht“. Das kann und darf nicht das Ziel sein.

Ein Problemkind im Schulsystem

Wenn man an die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention denkt, wird es mit dem Gymnasium besonders spannend. Wie soll Inklusion mit Gymnasien gelingen? Die inneliegende Logik dieser Schulform ist nuneinmal anti-inklusiv. Es ist eine Selektionsschule. Wie kann man rechtfertigen, einen Teil der Schüler ab der 4. Klasse auszusortieren und einen anderen im Sinne inklusiver Pädagogik teilhaben zu lassen? Auch die Förderung sogenannter leistungsschwächerer Schüler wirkt stets irgendwie fremd, schließlich werden diese ja normalerweise gar nicht das Gymnasium besuchen. Das ist nuneinmal das Prinzip des Gymnasiums und des gegliederten Schulsystems. Diese Schulform hat eine angeborene Resistenz gegen eine Vielzahl von Veränderungen.

Und die negativen Auswirkungen eines gegliederten Schulsystems sind nach wie vor deutlich. Soziale Unterschiede in Bezug auf Bildung werden verstärkt. Schullaufbahnentscheidungen, die ja realistischerweise weniger durch die Kinder als vielmehr durch die Eltern getroffen werden, sind je nach sozialer Lage höchst unterschiedlich. Dadurch ist die Chance für den Schulbesuch einer bestimmten Schulform sozial höchst unterschiedlich verteilt. Es wird eben nicht nur nach bestimmten Leistung, Fähigkeiten – welche auch immer das jeweils sind oder nicht sind – sortiert. Kompetenzergebnisse der Schüler verschiedener Schulformen unterscheiden sich zwar im Gesamtdurchschnitt, jedoch gibt es enorme Überschneidungen, beispielsweise beim Lesen. So gibt es laut PISA eine nicht geringe Zahl von Hauptschülern, die die Kompetenzwerte von Gymnasialkindern erreichen. Warum auch nicht? Dennoch interessant, dass das gegliederte Schulsystem hier nichteinmal den Argumenten seiner Verteidiger gerecht wird.

Schon die Entscheidungssituation selbst setzt bereits Grundschüler (und oft auch die Eltern) unter enormen Stress. Oft wird bereits von der dritten Klasse an mit Blick auf den weiteren Schulweg und überhaupt die eigene Zukunft geackert. In der vierten Klasse an Konsequenzen für das spätere Leben zu denken, das tun Kinder eigentlich nicht. Somit ist die eigene Schulbildung früh mit der diffusen Angst behaftet, dass irgendetwas furchtbares am Ende des Weges lauern könnte, wenn man sich nicht anstrengt. Eine Laufbahnentscheidung in der vierten Klasse ist auch pädagogisch nicht zu rechtfertigen. Und warum eigentlich in der vierten Klasse? Warum nicht ab der ersten? Warum nicht nach der Geburt? Einfach einen Intelligenztest machen oder noch einfacher, den sozialen Status erfassen. Absurd? Ja, etwas. Sogar etwas mehr, als das jetzige Prinzip.

Vielleicht ist das Gymnasium ja viel mehr das „Problemkind“ des Schulsystems, als gemeinhin angenommen wird. Und da geht der Inklusionsgedanke dann doch zu weit. Warum nicht einfach mal aussortieren? Aber es wird wohl noch eine Weile verteigt werden. Einfach weil es eben die beste Schule ist. Das Gymnasium ist die beste Schule, deshalb ist es ja das Gymnasium.