Verstehen und Missverstehen – Am Beispiel Jena und ZDF

Die Medienpsychologie behauptet ja gern, dass ein Großteil der menschlichen Kommunikation durch Missverständnisse geprägt ist. Die Reaktion des ZDF  auf die Proteste gegen einen kritisierten Beitrag der Sendung Aspekte ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Problemwahrnehmung völlig auseinanderscheren kann.

Die Hauptaussage des Aspekte-Chefs Läpple zur Reaktion einiger Jenaer Bürger: Sie haben Angst um ihren guten Ruf.

Soll das der Kern des Problems sein?

Sicher ist das ein Punkt, der bei vielen Sorge ausgelöst hat. Eine andere, sehr entscheidende Aussage bei den Protesten wurde aber völlig ignoriert: Das der Artikel als tendenziös, verzerrend, einseitig wahrgenommen wurde. Da hilft es auch nur bedingt, wenn man erklärt, man habe etwas anderes im Fokus gehabt: Die Empfindung des Buchautors gegenüber dem Osten, gegenüber Jena. Entscheidend ist auch, wie so ein Beitrag von den Menschen aufgenommen wird. Hier entsteht die Wirkung, die eigentlichen Absichten werden zweitrangig.

Und hier entsteht ein Problem, denn hier gibt es ein ernormen Unterschied in der Wahrnehmung des Beitrages. Die Aspekte Redaktion vollbringt hier auch keine gute Leistung, in der Art wie sie reagiert. Es wird zwar gesagt, man wollen nicht die Stadt und den Osten diffamieren, aber es gibt keine kritische Analyse des eigenen Beitrages, zumindest was den öffentlichen Teil angeht. Selbst Menschen, die auf bestehende Probleme in Jena verweisen, haben auf die Einseitigkeit des Beitrags hingewiesen, auf sein schlechte Recherche. Warum ist das so?

Wirkung des Beitrags vs. erklärte Absichten des Aspekte-Teams

So wird erklärt, man habe dem Romanautor – quasi stellvertretend – die Möglichkeit geben wollen, seine Emotionen in Bezug auf den Osten auszudrücken. Das ist ja auch in Ordnung, wobei man auch hinterfragen darf, warum gerade er gewählt wurde dies zu tun. Und individuellen therapeutischen Nutzen hat das sicher nicht. Wenn Menschen derartige Empfindungen gegenüber einer großen Region oder einer Stadt haben, dann ist das natürlich auch etwas Gegebenes, etwas Wichtiges, etwas das nicht missachtet werden darf. Hier setzt aber die Verantwortung eines Magazins ein, dass sicher eine hohe journalistische Qualität für sich in Anspruch nehmen möchte. Wenn ich Emotionen zeige, sollten diese in offener Art und Weise auf die Realität(tm) in Jena bezogen werden. Was aber geschah, war eine Bestärkung, eine Untermalung dieses gefühlten Eindruckes des Romanautors. Zumindest denke ich, dass es auf viele so wirkte.

Von Experten und Sachverständigen 

Es wurde ein ehemaliges NPD-Mitglied als Quasi-Experte für die Sicherheit in Jena herangezogen. Und der Romanautor bestätigt das in ähnlich expertischer Art. “Experte” ist gerade in TV-Beiträgen ein ohnehin inflationärer Begriff. Nie war Expertise weiter entfernt. Welche Aussage über die Situation in Jena könnte der Schriftsteller im allerbesten Fall denn treffen, wenn er den Osten nicht bereist (Ausnahmen ausnahmsweise ausgenommen). Und dennoch rezitiert er später, dass -mit seiner angesammelten Jena-Kenntnis- auch glaubt, dass man keine Angst zeigen solle (Szene: Wie bei Hunden” lacht)

Aspekte-Chef Läpple erklärt zudem, man habe den Buchautor nach Jena geschickt, um sich die Sache vor Ort einmal anzusehen. Aber was sah er sich denn an? War das wirklich offen und sachlich inszeniert, die Auswahl und Aussagen der Interviewten so reichhaltig in ihrer Perspektive? Selbst Lothar König, der sich sehr verdient gemacht hat mit seiner Arbeit gegen Fremdenfeindlichkeit, wird nur sehr selektiv befragt… oder nur sehr selektiv wiedergegeben. Eine Stellungnahme, ob man in Jena generell Angst haben muss, was Jena im Ganzen ausmacht, Fehlanzeige.

Hier deckt sich meine Wahrnehmung nicht mit den Aussagen des Aspektechefs. Und ich vermute, anhand der Reaktionen, dass es anderen ähnlich geht. Wenn der Beitrag also als etwas anderes gedacht war, was ich durchaus noch hoffe, bei einem Teil des Jenaer Publikums kam es so nicht an. Wenn das also also eine Wirkung war, was macht die Aspekteredaktion daraus? Vielleicht wäre hier dann doch ein klein wenig Selbstkritik seitens der Aspektredaktion angemessen. Wenn diese sich dann auch in den Stellungnahmen zeigt, hilft das ganz sicher. Keine kniehende Entschuldigung, keine weitere Rechtfertiggung, sondern eine kritische Einschätzung vor dem Hintergrund eines professionellen Journalismus. Das gehört zu Professionalität dazu, zumindest meiner Meinung nach (man möge mich naiv nennen).

Verstörend wirkt dabei die abschließende Buchempfehlung des Aspekt-Chefs. Hatte doch schon der Erstbeitrag ein wenig Eindruck einer Werbeveranstaltung erweckt (was üblich und für sich auch nicht unbedingt schlimm ist), wird hier noch einer draufgesetzt. Wozu die Literaturempfehlung gut sein? Um Menschen zu verstehen, die Angst vor dem Osten haben? Eignet sich dieser Roman dafür? Warum? Offene Fragen, denn ich habe ihn nicht gelesen. Aber die Frage, ob es nicht wesentlich sinnvollere Wege und auch besser geeignete Literatur gibt, entsteht recht schnell.

Dialoge – schon zuvor die bessere Idee

Aspekte-Chef Läpple nimmt die Ergeignisse als Anlass für die Ankündigung eines Gesprächs mit Jenaer Bürgern. Wenn dieser Dialog – wie eine recht abgenutzte Phrase ausdrückt – auf Augenhöhe stattfindet ist das toll. Vielleicht wirken hochkulturell strahlende Zitate zu rebellischen Jenaern hier aber kontraproduktiv.

Der bisherige Beitrag war eher das Gegenteil eines solches Dialoges. Wenn er als solcher geplant war, ging er voll daneben. Als Integrations- oder Dialogbeitrag hätte er offen und nicht einseitig inszeniert sein dürfen. Gemessen an diesen Kriterien ein fürchterliches Ergebnis. Gemessen an der Wirkung bei einigen Jenaer Zuschauern: Ein Desaster. Gemessen an den Wirkungen bei den Zuschauern generell: Spekulation, aber ob es wirklich eine Steigerung von differenziertem Denken und Dialogbereitschaft gab? Das muss man jetzt auch nicht überbewertet werden, Dinge können ja schnell mal nach hinten los gehen, Fehler sind ungebetene aber immer anwesende Gäste. Herumlamentieren  aber man kann auch nur schwer.

Trotzdem entstehen auch aus diesem Desaster durchaus Energien, die positiv wirken können, durchaus auch eine kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden Problemen in Jena. Ein Aufruf zu einem Dialog ist sogar eine richtig gute Idee. Das kann ein Beitrag zum Handeln werden und das wäre ja schonmal was.

3 Gedanken zu “Verstehen und Missverstehen – Am Beispiel Jena und ZDF

  1. Pingback: Aha. ZDF aspekte antwortet auf den Zorn der Jenaer Bürger. « Ankelilli's Blog

  2. “Verstörend wirkt dabei die abschließende Buchempfehlung des Aspekt-Chefs. ”

    Ja, wer bis dahin den Beitrag geschaut hatte und trotz MIssinterpretationen (wir würden um unseren Ruf fürchten) für eine weitere Diskussion offen war und sich freute, dass weiterhin etwas in der Angelegenheit geschah, wurde in diesem Moment unweigerlich mit dem Kopf vor die Wand gestoßen.

  3. Pingback: ZDF-Beitrag “Extreme Gewaltbereitschaft” – Videoantwort von aspekte - Wie ernst kann man die Redaktion nehmen? | steve-r.de

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